Winjam und Windy, August 2015

Winjam und Windy, August 2015

Viele haben von der Geschichte Winjams gehört, ich will sie daher nicht nocheinmal wiederholen, sondern vielmehr meine Gedanken dazu erzählen. Wer die Geschichte nicht kennt kann die ausführliche Version hier nachlesen. (Winjam ist der Neffe und das Patenkind meines Partners, was auch mich nach philippinischer Art zu seiner Patentante macht.)

Dazu eignet sich der heutige Tag auch besonders, denn genau heute am 22. Januar (Text verfasst am 22.01.16) konnte die Krankenhausrechnung komplett begleichen werden– genau fünf Monate nachdem Winjam mit einer Lunge voller Wasser eingeliefert wurde. Die ganze finanzielle Geschichte kommt damit zu einem Abschluss, den ich zu Beginn niemals für mögliche gehalten hatte – schon gar nicht in solch einer relativ kurzen Zeitspanne.

Wenn ich letztes Jahr gefragt wurde, was ich denn so vorhabe für die 5 Monate auf den Philippinen, dann konnte ich keine richtige Antwort geben, denn ich hatte nichts konkretes vor. Doch wenn mich jetzt jemand fragt, was ich die fünf Monate auf den Philippinen gemacht habe, so gibt es einiges zu erzählen. Manchmal weiß man die Antworten eben erst hinterher.

Bis zu diesen vergangenen fünf Monaten war ich genau drei Mal in einem Philippinischen Krankenhaus. Einmal um Medikamente für unser Learning Center abzuholen, einmal um nach Handschuhen zu fragen und ein weiteres Mal als eine Freundin einen kleinen Unfall hatte und ihr Knie verletzt war.

Und dann letztes Jahr – sechs Wochen am Stück, jeden Abend mehrere Stunden zu Besuch auf der Intensivstation. Denn auf den Philippinen lässt niemand den Patienten alleine, mit der Mithilfe der Familie wird fest gerechnet. Tag und Nacht sitzt jemand neben dem Bett und passt auf und nimmt Rezepte für Medikamente und Artikel entgegen die draußen gekauft werden müssen. Zum schlafen und Aufenthalt der Angehörigen gibt es nur einen kleinen Raum mit einem Schrank, einem Klo und zwei Holzbänken. Dieser Raum ist für alle sog. ICU Watchers, das heißt manchmal ist der ganze Boden voll mit Schlafenden Familienangehörigen, die auf Ihre Schicht warten. Und die Watchers sind wichtig, denn alles muss für den Patienten selbst organisiert werden, vom Einmalhandschuh bis zum Atemschlauch. Alles ein wenig anders als in Deutschland, und besonders eindrücklich wurde mir das unter anderem beim Thema Blutspenden.

Ein paar Worte zu HelpWinjam

Denn Blut bekommt nur, wer einen Spender hat, der das Blut in der Blutbank sofort wieder ersetzt. So zog sich die Suche nach einem männlichen Spender mit Blutgruppe A+ einen halben Tag – während der kleine Winjam auf der Intensivstation um sein Leben kämpfte.

Bei Blutplättchen wurde es noch komplizierter – die kann man nur frisch verwenden und somit musste ein Spender gefunden werden, der bereit war sein Blut testen und sich dann zwei Stunden an eine Maschine anschließen zu lassen um aus seinem Blut die Blutplättchen zu extrahieren. Das alles in einem anderen Krankenhaus, denn diese spezielle Maschine, die aussieht wie ein großer Spielautomat mit Schläuchen drin gibt es nur einmal in der Stadt. Zum Glück erklärte sich ein Freund bereit und opferte seinen Arbeitstag für den mehrstündigen Prozess. Nach insgesamt ca. 6 Stunden Warten bekam ich einen flachen Beutel in die Hand gedrückt mit der wichtigen Information, die Flüssigkeit darin dürfe niemals still stehen. Somit fuhr ich hinten auf dem Motorrad durch den Feierabendverkehr mit einem Beutel voller lebenswichtiger Blutplättchen im Wert von 300 Euro in meinen Händen, den ich mit aller Konzentration im Kreis drehte bis wir das Labor von Winjam‘s Krankenhaus erreichten.

Auch wenn ich mich auf den Philippinen mittlerweile recht zu Hause fühle, so gibt es doch Momente wie diesen, wo ich mir selbst zuschaue und mich nur noch fragen kann wie in aller Welt ich es geschafft habe mich in solch einer Situation wiederzufinden.

Der Wert der ganzen medizinischen Geräte, Medikamente und Einrichtungen – nicht nur, aber auch der finanzielle – wurde mir so klar wie noch nie zuvor. In Deutschland habe ich mir nie die Frage gestellt, ob es ein bestimmtes Medikament, oder eine bestimmte Blutgruppe überhaupt gibt wenn man sie braucht. Hier scheint alles selbstverständlich zur Verfügung zu stehen. Und bezahlen wird zum Großteil sowieso die Kasse.

Ein paar Worte zu HelpWinjam

An dem Krankenhaus, in dem Winjam lag, bin ich schon oft vorbeigefahren und dachte mir, dass ich dort nicht gerne sein möchte. Dass es dort bestimmt schlecht ausgerüstet ist und mit seinen ratternden, verrosteten Klimaanlagen vor den Fenstern innen bestimmt nicht besser aussieht. Dabei ist es gar nicht das städtische Krankenhaus, sondern ein teureres, privates mit relativ gutem Ruf.

Doch als Winjam eingeliefert wurde war ich einfach nur dankbar. Dankbar für die Ärzte die ihr bestes versuchten, dankbar für die kleine Intensivstation mit ihren 10 Zimmern (von denen drei nur Wände aus Vorhängen haben), für das Beatmungsgerät das ihn so viele Tage am Leben hielt und den Generator, der ansprang wenn der Strom ausfiel.

Doch bei aller Dankbarkeit kam auch der finanzielle Schock für die Familie inklusive mir. Bereits nach den ersten Tagen hatte die Rechnung über tausend Euro erreicht. Unglaublich viel Geld, vor allem auf den Philippinen und vor allem für eine Familie wie die von Winjam. Sie lebt von Tag zu Tag und hat genug für ihre bescheidenen Bedürfnisse. Mit einem Tagesbudget von 2 Euro ist da allerdings ein solcher Notfall nicht vorgesehen. Anfangs konnten die Eltern noch Geld zusammentreiben, durch leihen und verkaufen, durch einen Radioauftritt, Kredite und Vorsprechen bei lokalen Politikern. Doch es war nicht daran zu denken dieses Geld für die Rechnung zu sparen. Jegliches Bargeld wurde innerhalb kürzester Zeit in Untersuchungen, Essen und Medizin umgewandelt.

Mit den Ausgaben wuchs auch der Druck, den ich mir selbst machte. Ich wusste genau, dass wenn jemand das Privileg besaß noch mehr Geld auftreiben zu können so war ich das. Niemals wurde ich direkt um Geld gefragt, denn alle wissen ich bin auch nur Student und lebe von Erspartem. Im kleinen Freundeskreis hatten bereits Leute Geld aus Deutschland geschickt, doch die Kosten nahmen kein Ende und Winjam‘s Situation zeigte keine Verbesserung. Winjam wurde zum Dauerpatient auf der Intensivstation. Während andere Patienten kamen und gingen, sich erholten und starben lag Winjam unverändert und regungslos in seinem Bett. Ich erweiterte meinen Cebuano-Wortschatz um viele Begriffe aus Medizin und Gesundheitswesen und mich störten das Piepsen der vielen Apparate und der Geruch des Mundschutzes schnell nicht mehr. Das Personal kannte uns und wir brachten Winjam Geschenke mit, erzählten ihm von unserem Tag, schauten Filme am mitgebrachten Laptop und feierten im September seinen 8. Geburtstag. Seine Oma und mein Freund Zadam schenkten ihm Schuhe. Immer wieder neu bewundere ich die große Zuversicht in dieser schrägen Situation.

Ein paar Worte zu HelpWinjam
Ein paar Worte zu HelpWinjam
Ein paar Worte zu HelpWinjam
Ein paar Worte zu HelpWinjam

So klar den Zusammenhang von Geld und Leben vor Augen zu haben ist nicht einfach. Wir alle wussten, dass es einfach nicht zu der Situation kommen durfte, dass kein Geld mehr zu Verfügung war. Und doch stand diese Frage jeden Tag von neuem im Raum.

Dies zog sich bis zu dem Tag Ende September, an dem wir ein großes Familientreffen mit der behandelnden Ärztin hatten. Ca. 15 Leute drängten sich im Flur der Intensivstation um eine Wand mit den beleuchteten CTs von Winjam’s nicht mehr vorhandenen Lungenhälfte. Die Ärztin erklärte mit einem Kaugummiblasen-Vergleich das Verhalten seiner Lunge, sprach von den Lufträumen die sich bildeten, von seinem Herz dass durch den Druck bereits auf die andere Seite gewandert war, von einem stillen Notfall, von einer Operation die nur in Cebu durchführbar ist, von den zu erwartenden Kosten und der Alternative Winjam während seiner letzten Tage zu Hause zu pflegen.

Ein paar Worte zu HelpWinjam

So unwohl habe ich mich noch niemals zuvor gefühlt. Wir waren wie Gott, wir sollten nun entscheiden ob ein Junge weiterleben darf oder sein Leben mit 8 Jahren beenden muss, während dieser nicht ansprechbar neben uns hinter einer Glasscheibe liegt. Und noch schlimmer war, dass es genaugenommen für die Familie gar keine faire Entscheidung gab, da die Option der Verlegung aus finanziellen Gründen gar nicht vorhanden war. Die unbezahlte Rechnung lag mittlerweile bei 14,000 Euro. Winjam’s Tante blickte ab und zu zu mir und ich wusste warum. Ich selbst hätte mich die ganze Zeit angestarrt wenn ich mich selbst anschauen hätte können. Ich war nun die einzige Person im Raum die noch legale Möglichkeiten hatte das Geld aufzutreiben. Vor genau diesem Moment hatte ich mich schon seit Wochen gefürchtet, denn mit ihm war ein großer Druck verbunden.

Als wir an diesem Abend heimkamen begann ich alle Fotos von Winjam auf meinem Computer zu suchen und einen Text zu schreiben. Am nächsten Tag ging die Spendenkampagne HelpWinjam online und damit startete mein neuer Fulltime-Job. Ich musste den Überblick über Dollar, Euros, Pesos, drei verschiedene Bankkonten und Western Union Sendungen behalten. Nebenher Spender finden, das Spendenvideo schneiden und mit viel zu langsamem Internet auf Youtube untertiteln. Ich verbrachte viel Zeit in Banken und kam mir dabei vor wie ein Geldwäscher, mit Summen die niemand in bar in meinem unscheinbaren Turnbeutel vermutet hätte, gefasst in Bündeln von 1000-Peso Scheinen. Und ich verbrachte viel Zeit am Computer, denn ich wollte mir nicht leisten einmal nichts zu tun - in der Zeit könnte ich die Seite weiter verbreiten und neue Spender finden. Zudem suchte ich nach Hilfsorganisationen, es entstand der Kontakt zu Ein Herz für Kinder.

Spendenseite HelpWinjam

Spendenseite HelpWinjam

Bei all dem Trubel war ich immerhin abgelenkt und konnte etwas Konstruktives machen, nachdem ich wochenlang nur an einem -für ein Kind viel zu großem- Bett sitzen und hoffen konnte, dass Winjam uns sah wenn er seine Augen geöffnet hatte und uns hörte wenn wir mit ihm sprachen. Doch ab und zu wurde mir auch wieder bewusst, wie schlimm das eigentlich alles war. Wie schlimm es war nachts um zwei ein Passfoto für Winjam‘s neuen Behindertenausweis zu Photoshoppen. Aber auch wie unglaublich rührend es war, dass Einzelpersonen durch das schwere Schicksal bereit waren bis zu 1,000 Euro und ein 10 jähriges Mädchen 5€ seines ersparten Taschengelds für einen unbekannten Jungen zu spenden.

Nun könnte ich noch einen ganzen Roman schreiben - über Höhen und Tiefen, Missstände, Systeme, Magensonden und Kreditkartenlimits - doch wichtig ist dessen Ende:

Winjam erreichte drei Tage nach dem Krisengespräch Cebu, dort konnte man ihn vorerst nicht operieren, da er zu dünn war. Doch seine Lunge zeigte auf einmal Verbesserungen und regenerierte sich während der kommenden zwei Wochen von selbst. Für mich ist das medizinisch noch immer nicht erklärbar und schlichtweg ein Wunder. So fand ich mich Ende Oktober am Steuer eines gemieteten Geländewagens wieder, hinter mir Winjam auf einer Matratze liegend, er wog jetzt nur noch 14kg, brauchte aber keinen Sauerstoffschlauch mehr.

Ein paar Worte zu HelpWinjam
Ein paar Worte zu HelpWinjam
Ein paar Worte zu HelpWinjam

Wir hatten ihn „freigekauft“ – auf den Philippinen wird illegaler weise meist nur entlassen, wer bezahlt hat (in Duamguete hatten wir das gleiche Problem aber sehr sehr viel Glück). Wir erreichten Dumaugete mit der letzten Fähre (nochmals sehr sehr viel Glück) nach Mitternacht und brachten ihn in ein angemietetes Zimmer, das am Tag zuvor in unserem Haus frei geworden war (wieder sehr sehr viel Glück). Dort wurde er noch über zwei Monate gefüttert, begann nach und nach mehr zu reagieren und seine motorischen Fähigkeiten wieder zurückzugewinnen. Anfang Dezember fing Winjam wieder an zu sprechen und da erst wussten wir endlich, dass sein Gehirn keinen Schaden genommen hatte. Zuerst war sein Lachen wieder da, dann sprach er heißer und angestrengt und nach ein paar Tagen machte er selbst schon wieder Witze.

Seit diesem Jahr ist er im Haus seiner Großeltern auf dem Land, jeden Samstag kommt ein Physiotherapeut vorbei und zeigt neue Übungen, durch die er hoffentlich auch bald wieder laufen kann.

Die ganze Geschichte grenzt wirklich an ein Wunder, vielleicht ist sie eins. Von sehr vielen glücklichen Zufällen ganz zu schweigen, die sich alle zu unseren und Winjams Gunsten ereignet haben.

Möglich wäre dieses Wunder nicht ohne die große internationale Unterstützung gewesen. Ich möchte allen Spendern, Ärzten und sonstigen Unterstützern ein weiteres Mal auch hier danke sagen, auch denen die diesen Text nicht lesen werden, da sie koreanisch, englisch oder Bisayan sprechen. Und besonders auch meinen Eltern, ohne deren organisatorische und spontane Unterstützung von Deutschland aus einiges nicht so funktioniert hätte.

Erwähnen möchte ich auch Phil, einen amerikanischen Freund aus Dumaguete, der großen Anteil genommen hatte und mich und Winjam nicht nur finanziell unterstütze. Wir konnten u.a. durch seine Kontakte einen Artikel in einer lokalen Zeitung veröffentlichen. Phil selbst kam Ende letzten Jahres mit schweren Verletzungen auf die Intensivstation, die er nicht überlebte. Bei aller Freude ging somit das Jahr 2015 auch mit unerwarteter Trauer zu Ende.

Allem in allem waren diese 5 Monate eine sehr anstrengende aber zu gleich auch unglaublich bereichernde und zum Schluss auch schöne Zeit. Die große erhoffte aber doch unerwartete Hilfsbereitschaft Bekannter und Unbekannter war überwältigend. Das alles in einer Kultur, die mit Krisen anders umgeht, die Hoffnung und Energie selbst in den schwersten Tagen nicht zu verlieren scheint.

Ich bewundere Winjam‘s Familie für ihre Kraft und ihren Optimismus.

Winjam Anfang Dezember 2015
Winjam Anfang Dezember 2015
Winjam Anfang Dezember 2015
Winjam Anfang Dezember 2015
Winjam Anfang Dezember 2015
Winjam Anfang Dezember 2015
Winjam Anfang Dezember 2015
Winjam Anfang Dezember 2015

Winjam Anfang Dezember 2015

Winjam’s Mutter dafür, dass sie für 4,5 Monate nicht einmal von seiner Seite gewichen ist um nach Hause zu fahren. Winjam’s Oma, dass sie fast ständig da war und alles andere stehen und liegen gelassen hat. Winjam‘s Onkel – mein Freund Zadam- der die Hoffnung kein einziges Mal aufgab. Winjams Vater dafür, dass er von Frau und Sohn getrennt eine Arbeit angenommen hat, um mit drei Euro Tageslohn seine Familie zu unterstützen. Und Winjam’s Schwester, die weiterhin zur Schule geht und viel allein ist. Und nicht zuletzt Winjam selbst, der so ausdauernd um sein Leben kämpfte, der sich nicht an seinen Krankenhausaufenthalt erinnern kann und uns erzählte er war im Himmel, umgeben von vielen Kindern und Hunden und zwei Aufpassern, denen er dann sagte, er gehe jetzt wieder heim.

ein Interview mit Winjam und seiner Mutter vor meiner Abreise Mitte Dezember

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