Wie war's auf den Philippinen?

 

Diese mal mehr mal weniger ernsthaft interessiert gestellte Frage nach unserer Rückkehr lässt sich in der kürzesten Form beantworten mit: „Eindrücklich, interessant, faszinierend.“ Die ausführliche Antwort sprengt den Rahmen eines Gastbeitrags in Lilith's Blog. Also versuchen wir's genau mitten durch.

 

Lilith hatte alles bestens eingefädelt. Das hektische Manila verließen wir nach einer Übernachtung gleich wieder mit einem Billigflug (Tip von Lilith) nach Bacolod im Norden von Negros. Dort wurden wir am Flughafen vom „weltwärts“-Betreuer Chris Köppel abgeholt (Vermittlung Lilith), bei dem wir gastfreundlich aufgenommen wurden und mit dem wir dann anderntags über die Berge nach San Carlos mitfahren konnten. Auf der Fahrt lernten wir außer der zerklüfteten Landschaft auch zwei weitere Projekte kennen, in denen weltwärts-Freiwillige arbeiten. Nach ein paar Tagen Akklimatisieren bestiegen wir den Ceres-Liner nach Dumaguete und weiter zur Antulang-Mayabon-Kreuzung (SMS-gesteuert von Lilith), wo Lilith uns mit dem Auto abholte, um uns die restlichen 10 km Piste nach Siit zu fahren. Sie hatte schon eingekauft und kochte für uns am Abend im Zweitwohnsitz von Chris Köppel, der uns großzügigerweise  dort wohnen ließ (Vermittlung Lilith). Kurzum: So einen Einstieg in das Abenteuer Philippinen bieten nur die besten Reiseveranstalter (oder Töchter, die's ihren Eltern mal so richtig heimzahlen wollen). Salamat!

 

Statt eines Reiseberichts, der Orte und Ereignisse aneinanderreiht, hier ein paar Eindrücke und Anekdoten. Da Negros und Ouagadougou fast auf dem selben Breitengrad liegen, hatten wir zunächst afrikanische Verhältnisse im Hinterkopf. Obwohl es manche Parallelen gibt – die vor allem den selben schlechten sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen geschuldet sind –  überwiegen andersartige und gegensätzliche Eindrücke.

 

Da ist zunächst die überwältigende, überschwängliche Natur. Alles ist XXL. Palmen, Kokosnüsse, Bananenblätter, Zuckerrohr, Muscheln,  Blüten, Farben. Gräser heißen hier Bambus und wachsen büschelweise 15 m hoch (in einer Geschwindigkeit von bis zu 30 cm am Tag) bis sie abbrechen und allerorts als Baumaterial verwendet werden. Die stets präsente endlose Weite des Meers samt Sonnenuntergangstheater in multicolor. Auch die Vegetationszeit ist XXL. An ein und demselben Ort kann man sehen wie neue Reisfelder angelegt, gepflanzt, gepflegt und geerntet werden. XXL auch der Schwanz und die Augen der 9-16 cm großen Koboldmakis oder Tarsiers: der Schwanz ist fast doppelt so lang wie der Körper und die Augen im Vergleich zur Körperlänge 15 mal größer als beim Menschen.

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Absolut beeindruckend ist das Netz des öffentlichen Nahverkehrs, das nicht auf zentraler Planung beruht sondern vorwiegend auf privater Initiative. Die Fernverbindungen bedienen Fähren und Busse. Auch die sogenannten Jeepneys bedienen größere Entfernungen.

 

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„Jeepneys sind alte Willys-Jeeps, die die US-Amerikaner nach ihrem Abzug von den Philippinen zurückgelassen haben und die die Philippinos zu Kleinbussen mit bis zu 14 Sitzplätzen umgebaut haben.“ Ich habe allerdings auf einer Fahrt in Bohol 40 MitfahrerInnen gezählt, was dem Zitat aus Wikipedia nicht widerspricht aber Theorie und Praxis gegenüberstellt. „Man nimmt an, dass das Wort Jeepney aus der Verbindung der Wörter Jeep und Knee (engl. für Knie) hervorgegangen ist.“ Sehr einleuchtend, denn die Sitzhaltung in diesem niederen Gefährt ist mehr ein Hocken mit Knieen an der Brust.

 

In den Ortschaften und in der näheren Umgebung – entsprechend gute Straße vorausgesetzt – bedienen die dreirädrigen Tricycles, wahlweise als Motorrad- oder Fahrradgespann. Und wo Wege zu Pisten und schmalen Deichen durch Schlammlöcher werden, da fahren dann unerschrockene Motorradfahrer (habal-habal) mit verlängerter Sitzbank und riesigen Gepäckträgern, um bis zu 4 Reisende an ihr Ziel zu bringen.

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Ich wage zu behaupten, dass niemand länger als 5 Minuten warten muss, der sich spontan entschließen sollte, irgendwo hin zu fahren. Und alles für einen Preis, den sich auch viele Philippinos leisten können, denn die Verkehrsmittel sind in der Regel schon voll, wenn man zusteigt. Ausnahmen gibt’s auch. Zum Beispiel die Fähre von Leyte nach Bohol, deren Abfahrtszeit um 20 Uhr auf dem Plan steht. Um diese Zeit sieht aber nichts danach aus, dass ein Schiff vor der Ausfahrt steht. Auf Nachfrage ist zu erfahren, dass auf die Ankunft eines Linienbusses gewartet wird,

 

der mit der Fähre mit soll. Als dieser schließlich um 23 Uhr eintrifft, ist die Flut so hoch gestiegen, dass der Spalt zwischen der Auffahrtrampe und dem Kai auch nicht mehr mit einigen dicken Tauen überbrückt werden kann. Um 2 Uhr ist der Meeresspiegel dann so weit abgesunken, dass der Bus auf das Schiff fahren und dieses in See stechen kann.

 

Tambobo, der Wohnort von Lilith direkt an der Bucht, sowie Bonbonon und Siit, die Ortsteile, in denen die beiden Learning Centers liegen, die zum Projekt gehören, sind von außen gesehen ein Urlaubsparadies. Eine Piste durch den Urwald entlang der Bucht verbindet die Ortsteile; Kokospalmen bis an die Sandstrände, immer wieder herrliche Ausblicke in der hügeligen Landschaft; in Sichtweite der 1903 m hohen Vulkans Talinis, der auch treffend „Cuernos de Negros“ (Hörner von Negros) genannt wird; die Weite des Meeres mit den unzähligen Inseln; das konstante, mäßig warm-feuchte Klima mit einer erfrischenden Brise Meerluft; freundliche, hilfsbereite Menschen. Umso mehr traf uns die Nachricht von Tsunami und Reaktorkatastrophe in Japan, das 3000 km weiter nordöstlich am anderen Ufer der sogenannten Philippinensee liegt. Urlaub im Sinne von Abschalten und raus aus dem Alltag war damit vergessen. Jeden Tag einmal Nachrichten im Internet oder mit Deutscher Welle wurde zum dringenden Anliegen. Aber auch gute Nachrichten kamen an: Grüne 24,2% – SPD 23,1% (– CDU 39% – FDP 5,3%). In Tambobo konnten wir Glückwünsche aus dem Rheinland und Österreich persönlich entgegen nehmen.

 

Die Amerikaner haben auf den Philippinen nicht nur ihre Sprache hinterlassen. Vor allem die Städte sind sehr geprägt von amerikanischem Design, versetzt mit ein paar Überbleibseln aus der spanischen Kolonialzeit in Form von sakralen Bauten, dem selbstverständlichen Katholizismus sowie den spanischen Ortsnamen. Singen ist für viele Philippinos offenbar ein inneres Bedürfnis. Nicht nur der rege Betrieb von „Karaokemaschinen“, in den Einkaufsmalls ebenso wie in Bonbonon, zeugen davon. Der Kellner im Restaurant singt, die Bedienstete im Hotel, die beiden Ticketverkäuferinnen am Schalter der Nachtfähre – allerdings keine Volkslieder sondern die aktuellen Charthits. Die Kultur vor den Spaniern scheint keine Rolle mehr zu spielen. Einzig eine Frau aus der Ethnie der Igorot berichtete von alten Ritualen und traditioneller Musik mit Gongs bei sich im Norden der Philippinen.

 

Nicht zuletzt konnten wir auch das Innenleben der Learning Centers in Bonbonon und Siit kennen lernen. Beeindruckend das Engagement und die Begeisterung der Mitarbeitenden im Team, die Offenheit für Anregungen von außerhalb, der gleichermaßen strukturierte und lockere Verlauf des Bildungsprogramms an den  Samstagen. Wir erlebten eine Rollendiskussion zum Thema „Ausbau eines Hafens nebst touristischer Erschließung der Bucht in Tambobo“ sowie eine Einführung in die Technik des Webens, die Mirjam durchführte. Wir erfuhren von einer Mangroven-Pflanzaktion, der Beteiligung am Weltklimatag, der Erarbeitung und Präsentation eines Bühnenstücks. Wir hörten von Ideen, wie durch das Nutzen lokalen Wissens Heimat- und Naturkunde vermittelt werden könnte. Innerhalb des Teams, in der Gemeinschaft rund um die Bucht und darüber hinaus ist Vernetzung ein aufrichtiges Anliegen, wobei SMS und Internet eine wichtige Rolle spielen. Teamwork auch beim „Bright Lights Community Song”. Ein kollektiv entstandener Text mit einer Melodie von Lilith, mit Begeisterung gesungen von den Kindern und Jugendlichen in Siit.

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Tambobo, Bonbonon, Siit, Siaton – Orte wie viele andere, die nicht im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen. Orte, die man kennen und schätzen lernt, wenn man dort lebt. Wir haben die Region erlebt als fantastisch schöne Landschaft, mit freundlichen Menschen voll Energie, die Natur so intakt und die Infrastruktur so beschaffen, dass wir Leitungswasser bedenkenlos trinken konnten und fast ohne Unterbrechungen atomfreien Strom zur Verfügung hatten. Danke für die Möglichkeit dieses Gastbeitrags im Blog und Gratulation zur Wahl dieses weltwärts-Ziels!

 

Für Lilith

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