Fast ein Jahr ist es her, und doch schwirren mir die Gedanken noch immer im Kopf und ich teile sie hier in Form einer kurzen Geschichte.


Letztes Jahr Anfang August reiste ich mit der Nachtfähre von Dumaguete nach Cebu City. Es war kurz vor der Ausreise zurück nach Deutschland nach über 12 Monaten im Inselstaat. Wie es das Bureau of Immigration so will, muss jeder Ausländer, der sich länger als 6 Monate auf den philippinischen Inseln aufhält eine Exit Clearance beantragen – die Erlaubnis ausreisen zu dürfen. Ein weiterer Einfall kurz vor der Abreise nochmal ein wenig Geld im Land lassen zu müssen - oder so. Blöderweise gibt’s diese Clearance nur in zwei Städten der 7000 Inseln – der Hauptstadt Manila und in Cebu auf der Nachbarinsel. Daher also ich eine Nacht auf dem Deck einer großen Fähre voller leerer Stockbetten.

Ankunft in Cebu

Ankunft in Cebu

Nach fünf Stunden mit spärlichem Schlaf laufen wir in Cebu ein, es ist kurz nach fünf und die langsam steigende Sonne färbt Land und Meer mit immer kräftigeren Farben. Ich bin viel zu früh da, das Bureau of Immigration öffnet um acht.


Vor über drei Jahren war ich schon einmal auf diesem Schiff, an diesem Hafen in dieser Stadt. Damals zur gleichen Zeit liefen meine weltwärts-Kollegin und ich ein wenig planlos und übermüdet durch die Stadt, entdeckten dann zufälligerweise eine schöne Stelle am Meer an einer Art Mauer und Fußweg neben einer größeren aber um diese Zeit kaum befahrenen Straße. Wir setzten uns und frühstückten. Die Stelle ist so schön wie das Meer am Hafen der zweitgrößten Stadt der Philippinen eben sein kann. Der Müll der sich überall zwischen den Steinen am Ufer verteilt scheint niemanden zu stören, denn der Ort ist ein beliebter Treffpunkt für Frühaufsteher. Vereinzelt oder in Gruppen sitzen Menschen entlang der Mauer und reden oder starren der Sonne entgegen, die noch nicht zu heiß ist um sich vor ihr verstecken zu müssen. Diese Kulisse, die das Schauspiel der vorbeifahrenden Fracht und Passagierschiffe und Fischerbooten aller Größen umrandet, lässt einem dabei niemals langweilig werden.
So auch mir nicht, ich freue mich, dass ich diesen Platz nicht vergessen habe und nutze die Zeit, um Zeitraffer Aufnahmen zu machen und mich selbst den Schiffen und der Sonne zu widmen. Hier das Ergebnis:

Dabei ignoriere ich gekonnt den Klogeruch, der ab und zu mit dem Wind vorbeizieht.
Ich genieße die Ruhe. Doch wie so oft ist es nur eine Frage der Zeit als weißes Schaf im öffentlichen Raum angesprochen zu werden. Dieses Mal auf schlechtem Englisch von einem älteren Mann. Er hat vor einiger Zeit ein Stückchen neben mir auf der Mauer Platz genommen, nachdem er seinen Eimer Wasser vor sich auf die Steine zwischen Mauer und Meer sicher platziert hatte.


Er ist erleichtert, erfreut und überrascht zu gleich als ich ihn auf Bisayan und nicht Englisch zurück grüße. Nun folgen die üblichen Fragen, mit denen ich tagtäglich konfrontiert werde. Ah du kannst unsere Sprache, wie lange bist du schon hier? Was machst du? Wo wohnst du? Wann gehst du wieder nach Deutschland? (das ist niemals böse gemeint) Hast du Geschwister? Was, du bist wirklich Einzelkind? Vermissen dich deine Eltern nicht? Bist du verheiratet? Ah dein Freund ist Filipino? Sehr gut!


Und so weiter. Doch dieses mal beschränkt sich das Gespräch nicht nur auf die Standardfragen. Wir sitzen einfach nur da und reden weiter. Über Deutschland, über die vier Jahreszeiten, mein Heimatort, über den Flug, die Familie. Und es geht nicht nur um mich. Roberto – so heißt er glaube ich – erzählt von sich, von einem bescheidenen Leben, seinen Kindern, seinem Job als LKW Fahrer und seinem Sohn, der Matrose auf einem Schiff ist mit dem er auch schon in Hamburg geankert hat . Roberto hat ihn lange nicht gesehen, und mal wieder bin ich berührt von der Tatsache, dass so viele Filipinos hart im Ausland arbeiten, mit dem einzigen Ziel Geld nach Hause zu schicken und ihre Familie zu unterstützen. Über Jahre getrennte Familien, Eltern die ihre Kinder über Skype großwerden sehen und ihrem Partner über facebook zum Jahrestag gratulieren. Ganz selbstverständlich ist diese Situation für viele.
Und als er erfährt, dass ich aus Deutschland komme, erzählt Roberto auch von einem Deutschen, der einmal bei ihm und seiner Frau gewohnt hat. Dem Gast wurden zuvor alle Wertsachen gestohlen und er musste auf einen neuen Pass warten. Daher verbrachte er drei Monate in Cebu mit Trockenfisch und Reis, was Roberto zu gleichermaßen beeindruckt als auch ein wenig beschämt erzählt. Gerne hätten sie ihrem Gast mehr angeboten.
Während dem Gespräch erfahre ich auch, was es mit dem Eimer Wasser auf sich hat. Jeden Morgen vor der Arbeit kommt Roberto hier an diesen Ort. Er kommt her, um zu schwimmen. Doch da das Wasser vermutlich -und eigentlich auch ziemlich offensichtlich- nicht die beste Qualität in diesem Stadthafen hat, bringt er sich einen Eimer frisches Wasser mit, um sich danach abzuduschen. Klingt vernünftig.

mit Roberto

mit Roberto

Mir gefällt dieses Gespräch, es beruht auf gegenseitigem Interesse und der Faden bricht niemals ab. Bestimmt eine Stunde sitzen wir da und reden. Die Speicherkarte der Gopro, die nebenher die Bilder macht ist mittlerweile voll. Was mir jedoch am meisten gefällt ist die Tatsache, dass dieses Gespräch komplett auf Bisayan stattfindet. Ich merke es kaum und bin erstaunt, dass mein Wortschatz mittlerweile ausreicht, um in einfacher Sprache Konversationen zu führen, die über Alltagssätze hinaus gehen.

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