Ausnahmezustand
Hier kommt er wie angekündigt - der Artikel zur Fiesta!
Fiesta - ein Stettener würde das Event vielleicht auf den ersten Blick mit dem Stettener Straßenfest vergleichen. Einmal im Jahr, Vereine und Organisationen sind beteiligt, es gibt Programm....Schaut man aber genauer hin und erkennt die Bandbreite des ganzen, so erschrickt man fast vor dem Ausmaß!
Bereits im Dezember hatte ich über die Fiesta in Siaton geschrieben, seit dem waren wir auf ca. fünf weiteren anwesend, jedes Barangay hat sein eigenes Datum. Doch dieses Mal war es unsere "eigene" Fiesta, die im Barangay Bonbonon, am 12.+13. Juni. Wir waren als Learning Center in verschiedenste Aktivitäten involviert, auch räumlich und akustisch gesehen konnten wir uns nichts entziehen, da das Learning Center Bonbonon direkt neben der Barangay Hall steht. Wer nun denkt, das Fest beschränkt sich auf zwei Tage, befindet sich allerdings fern von der Realität!
Da die Aktivitäten so zahlreich, und die Vorfreude so hoch ist, wird ganze drei Wochen vorher mit dem Programm begonnen.
- Bolleyvall und Basketball Tournament
Für die Männer Basketball, für die Frauen Volleyball. Gespielt wird an mehreren Spieltagen, die kurzfreistig festgelegt werden. Dies findet, wie eigentlich auch alles Andere, auf dem Barangaysportplatz statt, den hier jedes Barangay hat - immer in Kombination mit drei Häusern: Barangay Office, Health Center und Day-Care Center. Der Platz wird verwendet für Sport, Meetings, Reis trocknen, Disko,....
Doch zurück zum Sport: Verschiedenste Gruppen und Vereine aus dem Barangay und Umland stellen Teams auf, sogar ich hatte die Ehre im Volleyball-Team "Bofarmpuco" mitzuspielen, einer Farmer Kooperation aus Bonbonon. Wir sind zweiter geworden - wie weiß ich immernoch nicht, zwei in unserem Team inkl. mir wussten wie man prischt und schlägt, baggern klappte dafür umso höher! Auf jedenfall wars cool mal wieder etwas Teamsport zu betreiben, und da ich trotz wachsendem Heimatgefühl eine Ausländerin bin, war es auch schön ein gleiches Trikot zu tragen, irgendwie hat mich das echt gefreut!
- "Clean and green - Barangay Beautification Contest"
Die Straßen Bonbonons - drei an der Zahl - werden aufgeteilt unter den Repräsentanten Bonbonons: Grundschule, Highschool, Barangay Officials, Bofarmpuco, Kirche und Bright Lights Community Learning Centers.
Jeder Beteiligte erhält für sein Gebiet die Aufgabe, die Straßen und Randstreifen von Müll und Gestrüpp zu säubern und Büsche und Bäume zu beschneiden. Dann werden beidseitig Bambuspfosten im Abstand von ca 5m aufgestellt. Diese sollen möglichst kreativ und ansprechend dekoriert werden, wie hier mit angemalten Kokosussschalen. Es gibt ein Pre-judging und ein final judging, und einen Preis, verschiedene Gesichtsounkte werden unterschiedlich gewichtet. Zudem werden die typischen Fiesta-Wimpelfahnen-Ketten quer über die Straßen gehängt.
- Fun Run
Nachdem Madeleine und ich uns so tapfer als einzigeste Frauen beim Siaton Fun Run durchgeschlagen haben, beschlossen wir dieses Mal ganz schwäbisch uns die Startgebühr zu sparen und doch lieber zu schlafen anstatt uns um 4 Uhr (!!) morgends mit den Männern an der Startlinie zu versammeln.
- "Beauty and Money Contest" for Miss Bonbonon 2011
Die Wahl zur Miss Bonbonon ersteckt sich über mehrere Shows. Es gibt eine First Presentation im Coctail Dress, ein Last Balluting (keiner weiß wie mans schreibt oder was es genau bedeutet aber es wird Geld gesammelt, die Kandidatin mit dem meisten Geld gewinnt), eine Vorführung mit Laufsteg für Jeans wear, Abendkleid, Festival Kostüm, Sportswaer und Verleihung von Minor Awards (Best in Speech, Jeans wear, ....). Am großen Finale ist dann der verehrte Mayor persönlich anwesend, der die Krone und das Zepter an die mit dem meisten gesammelten Geld übergibt. Eine der fünf Kandidatinnen war gesponsert von unseren Learning Centers, daher waren wird direkt involviert. Da ich hier anscheinend diejenige mit der Kamera bin, wurde ich zur Fotografin berufen. Somit kam ich zu meinem ersten erfolgreichen Fotoshooting für Beach wear am Strand, die Bilder wurden bei der großen Vorführung als Slideshow projiziert.
- Disko
Nach jeder Miss Show und natürlich während der Fiesta und auch schon einen Tag davor und auch noch einen danach ist Disko. Entlang der Straße bauen Händler ihre Stände auf, um Snacks und Bier zu verkaufen. Die Türme von Lautsprechern werden dann schon den ganzen Nachmittag getestet, ob sie denn auch wirklich funktionieren, laut genug sind und der Bass denn nicht doch noch vlt über den Anschlag hinausgedreht werden kann. Bis zur Nationalhymne 4 am wechseln sich dann Hiphop beats mit Sweet Music ab. Bei letzterer bin ich am vierten Tag Disko infolge an die Grenze von "höflich und respektvolles Neinsagen in einem Land wo mein Ja sagt wenn man Nein meint" gestoßen , habe aber erfolgreich einen Sweet Dance mit vermutlich mind. 4 betrunkenen alten Männern umgangen.^^ Dafür hat mir einer dieser philippinos gleich mehrfach erzählt, dass seine Mutter philippina sei, sein Vater aus England und sein Papa sei ein Deutscher.
- Parade
Was niemals fehlen darf, ist die Parade! Daher gab es auch gleich zwei, eine zum Warmlaufen schon zwei Wochen im Vorraus, und dann die Richtige, als Start der Fiesta am 12. Juni. Die Schulen sind vertreten mit Flaggenschwinger, Tänzerinnen die einen Stab zwischen den Fingern drehen und einem kleinen Orchester aus verschiedenen Trommeln und Glockenspielen. Damit werden dann die Melodien der Dauerbrenner-Charthits wie "Wakawaka" von Shakira nachgespielt. Der Ganze Ort schaut zu, bzw. das was von ihm übrig ist, denn eigentlich sind schon recht viele in der Parade selbst vertreten. Die Kandidatinnen für Miss Bonbonon werden jeweils auf einen geschmückten kleinen Pickup (Easy ride) mit einem Plastikstuhl auf die Ladefläche gesetzt. Ich habe spontan erfahren, dass ich Fahrerin unserer Kandidatin bin. So eine Parade war ideal, um anfahren am Berg mit einem unbekannten Pickup zu üben. War letztendlich kein Problem, ich denke aber es muss aber für die Miss Kandidatinnen schwer gewesen sein, zu lächeln und sich gleichzeitig auf ihrem Plastikstuhl zu halten, während sich die Easy rides durch unalphaltierte Schlagloch-Regenzeit-Schlamm-Straßen im ersten Gang vorgearbeitet haben.
- Kirche
Die Fiesta wird auch zu Ehren des Schutzheiligen von Bonbonon "Sr. San Antonino de Padua" abgehalten , es gibt verschiedene Messen, vor der Kriche stehen Stände wo man Rosenkränze und Heiligen-Aufkleber kaufen kann und traditionel kauft man eine Kerze und legt sie brennend auf den Außenaltar vor der Kirche, so dass den ganzen Tag über eine Flamme brennt. Da gleichzeitig am vergangenen Sonntag Independence Day war, wurde alles mit der philippinischen Flagge geschmückt und in der Kirche werden als special Hochzeiten für umsonst angeboten. Daher waren auch noch diverse Hochzeiten und Feiern im Gange.
- Einladungen
Der wohl wichtigste Teil für die Menschen im betreffenden Barangay ist, währrend der Fiesta Verwandte und Freunde einzuladen und alle höchst gastfreundschaftlich zu bewirten. Unvorstellbar viel Essen wird zubereitet, es werden Schweine geschlachtet, Hühner gerupft, wer hat der holt den Rotwein raus, alles ist voller Leute und mit dem Essen kommt das Bier....nicht nur finanziell sondern auch nervlich ist dieses Event eine Belastung, sollte man meinen. Doch überall, wo wir eingeladen waren hatte ich nicht das Gefühl es scheint jemanden zu stören oder in Stress zu bringen, es ist eher eine Pflicht und Freude zugleich für alle Beteiligten, Bewirten und Teilen ist kein Grund zu Beschwerde. Aufgrund dieser Pflicht - lehne keine Einladung ab sonst beleidigst du jemanden - waren auch wir drei Tage lang vom Kochen befreit. Da nicht nur in Bonbonon, sondern auch in zwei weiteren Barangays um die Bucht Fiesta war, brach quasi die ganze Bucht in Fiestafieber aus. Wir konnten daher zeitlich, logistisch und essenstechnisch in den drei Tagen leider nur sechs der der neun Einladungen folgen. Wenn man allerdings schon satt ist nach der ersten Einladung, und weiß man kommt noch zu mind. zwei weiteren Häusern, ist das wirklich eine Herausforderung!
Mit spontanen Einladungen muss immer gerechnet werden. Liegt das Haus des Einladenden an der Straße, so wird jedem vorbeifahrenden Motorbike mit Bekannten oder Verwandten (was 90% der Vorbeifahrenden entspricht) so lange hinterhergerufen, bis schließlich der Fahrer aufgibt und umdreht und sich die Passagiere - noch ehe sie sich versehen - mit einem vollen Teller und einem gefüllten Glas in der Hand wiederfinden. Alles ist auf den Beinen, die Motorbikes sind vollbesetzt wie nie (auch wenn sie immer voll aussehen), Jeepneys fahren ausnahmsweise auch bis nach Bonbonon und selbst die unbewohten Teile der Straßen gleichen einem berühmten geschmückten Pilgerweg für Familien. Ein sehr schönes Bild, alles wirkt auf einmal wie belebt - obwohl es mir hier schon seit 9 Monaten belebt vorkam. Wenn ich dagegen an eine Wohlgebiet-Straße in Deutschland denke, dann taucht in meinem Gedächtnis ein Bild auf, auf dem nur Häußer und Autos zu sehen sind...
Fazit: Ich bin fasziniert von diesem Event, an dem deutlich wird wie sehr die Menschen ihr Barangay lieben und ein Bewusstsein für Gemeinschaft und Fürsorge zeigen. Es bringt die Menschen zusammen, alle helfen aufzuräumen, tagelang stehen Leute am Straßenrand, schneiden Gras und sammeln Müll. Mit viel Mühe wird verziehrt, dekoriert, geprobt, die Fiesta ist DAS Event schlechthin, zu dem weggezogene Verwandte zurückkehren, und großzügige Gastfreundschaft wichtiger zu sein scheint als Geld.
Geld wird trotzdem gemacht - 57 000 Philippinische Pesos waren der Gewinn, der gestern in einer Barangay Sitzung während hitziger Diskussionen unter den Beteiligten Vereinen und Schulen aufgeteilt wurden.
Nach dieser ganzer Aktion mussten wir erstmal einen freien Tag nehmen, um uns zu erholen.